Alopezie-Hypothese 2 – Östrogenüberschuss

Es herrscht die weit verbreitete Ansicht, der typisch männliche Haarausfall würde durch einen besonders hohen Testosteron-Spiegel ausgelöst. Eine Vermutung, die auf den ersten Blick nicht ganz abwegig ist. Schließlich findet man auf der kahlen Kopfhaut betroffenener Männer große Mengen an Dihydrotestosteron (DHT) – einem potenten Steroidhormon, welches der Körper aus Testosteron mittels des Enzyms 5-Alpha-Reduktase herstellt. Der Rückschluss, dass der lokal erhöhte DHT-Spiegel aus einem hohen Testosteron-Spiegel resultiert, ist allerdings falsch.

Tatsächlich haben Männer mit androgenetischer Alopezie (agA) sogar einen niedrigeren Gesamttestosteron-Spiegel als Männer mit vollem Haar. Das Gesamttestosteron setzt sich dabei aus dem an Eiweiß (Albumin und Sexhormon bindendes Globulin) gebundenen und dem freiem Testosteron zusammen. Das freie Testosteron macht dabei nur einen Anteil von etwa zwei bis drei Prozent aus. Im Vergleich zu Männern mit vollem Haar zirkulieren im Körper von Männern mit Haarausfall relativ gesehen größere Mengen an ungebundenem Testosteron und anderen freien Androgenen wie DHT. Ihr Blut enthält weniger des Sexhormon bindenden Globulins und mehr 5-Alpha-Reduktase (1).

Stress senkt den Testosteron-Spiegel

Der wichtigste Gegenspieler des Testosterons ist das katabole Steroidhormon Cortisol. In Stresssituationen schüttet die Nebenniere große Mengen an Cortisol aus, um dem Körper Energie für einen möglichen Kampf oder eine Flucht bereitzustellen („Fight or Flight“-Reaktion). Cortisol fördert die Umwandlung von Proteinen über den Stoffwechselweg der Gluconeogenese in Glukose. Kurzfristig steigert es auch die Fettverbrennung. Zudem lässt Cortisol die Blutgefäße kontrahieren, so dass der Blutdruck steigt und das Herz schneller schlägt. Gleichzeitig wirkt es entzündungshemmend, indem es die Aktivität des Immunsystems herunter regelt.

Kurzfristig ist die Stressreaktion also von Vorteil, da sie große Kraftreserven mobilisiert und die wichtigsten Organfunktionen im Überlebenskampf sichert. Wird der Stress hingegen zum Dauerzustand, kehrt sich der Überlebensvorteil um. Der Körper verbraucht seine eigenen Ressourcen und bedient sich dabei stetig an Geweben wie Haut, Haaren, Zähnen und Knochen. Gleichzeitig ist chronischer Stress der Testosteronkiller Nummer Eins.

Klassische Stressoren sind physische Bedrohungen, Hunger, Durst, Hitze oder Kälte. In unserer modernen Welt sind wir darüber hinaus einer Vielzahl dauerhafter Stressfaktoren ausgesetzt, die den Cortisol-Spiegel chronisch ansteigen lassen: Lärm, Umweltverschmutung, elektromagnetische Strahlung, Schlafmangel, Leistungsdruck im Beruf, (Genuss-)gifte wie Alkohol und Zigaretten und Nährstoffmangel durch den Konsum industriell verarbeiteter Nahrung.

Die Anti-Haar-Hormone: Östrogen, Prolaktin und Serotonin

Chronischer Stress lässt den Östrogen-Spiegel ansteigen. Dies geschieht über die Aktivierung des Enzyms Aromatase, welches Testosteron in Östrogen umwandelt (2,3). Östrogen gilt als weibliches Steroidhormon, weil es für das Wachstum von Uterus und Brüsten bei Frauen verantwortlich ist. Der männliche Organismus benötigt Östrogene unter anderem in den Endothelzellen der Blutgefäße zum Schutz vor Arteriosklerose oder im Nebenhoden für die Samenreifung. Auf Zellebene hat Östrogen jedoch schädliche Effekte: Es unterdrückt die Energieproduktion in den Mitochondrien und verlangsamt den Stoffwechsel. Wenn sich Östrogen im Gewebe anreichert, fehlt den Haarfollikeln die Energie für die Haarproduktion.

Östrogen fördert die Synthese und Freisetzung des Hormons Prolaktin. Prolaktin wird auch als „Stillhormon“ bezeichnet, weil es nach einer Schwangerschaft die Brustdrüse der Mutter zur Milchproduktion anregt und gleichzeitig den Eisprung unterdrückt. Im Tierversuch hemmte Prolaktin die Schilddrüsenfunktion und damit die Zellatmung (4). Im Zusammenspiel mit Östrogen führte Prolaktin in verschiedenen Studien an Tieren zum Fellverlust. Nach einer Geburt verlieren Frauen wegen ihres hohen Östrogen- und Prolaktinspiegels besonders viele Haare. Bei Männern ist die Funktion von Prolaktin nicht genau bekannt, Männer mit agA haben jedoch höhere Spiegel an Östrogen und Prolaktin als Männer mit vollem Haar (2).

Das angebliche „Glückshormon“ Serotonin ist ebenfalls ein Anti-Haar-Hormon. Serotonin wirkt synergistisch mit Östrogen. Das bedeutet, ein Anstieg des Serotoninspiegels fördert die Östrogenproduktion und umgekehrt. Als Antagonist der Schilddrüsenhormone T3 und T4 hemmt Serotonin die Energieproduktion in den Mitochondrien und wirkt somit negativ auf das Haarwachstum. Bestimmte Antidepressiva – die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) – sollen Depressionen lindern, indem sie die Serotoninkonzentration im Gehirn erhöhen. Ob SSRIs wirklich gegen Depressionen helfen oder ob es sich lediglich um einem Placebo-Effekt handelt, ist wissenschaftlich umstritten. Fest steht, dass SSRI schwere Nebenwirkungen haben wie sexuelle Funktionsstörungen, emotionale Abstumpfung und Suizidgedanken (5).

Die Pro-Haar-Hormone: Testosteron, Progesteron, Schilddrüsenhormon

Niedrige Testosteronwerte bei Männern sind ein typisches Zeichen für eine Östrogendominanz. Das vorgesehene Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Steroidhormonen ist aus dem Gleichgewicht geraten. Der Cortisol-Spiegel ist hoch, gleichzeitig fehlen dem Körper Schilddrüsenhormone. Typische Symptome der Östrogendominanz sind Haarausfall, Bauchfett, wenig Muskulatur und eine geringe Libido. Da der Testosteron-Spiegel mit dem Alter abnimmt und der Cortisol-Spiegel steigt, entwickelt sich die Östrogendominanz mit zunehmendem Alter. Die Alopezie beginnt deshalb häufig im mittleren Alter und schreitet danach immer weiter fort. Ein hoher Testosteronspiegel hingegen verhindert die Östrogendominanz bei Männern und verlangsamt den Alterungsprozess.

Progesteron ist der Gegenspieler des Östrogens. Das Hormon regt die Zellatmung an und beendet die Wachstumszyklen, die durch Östrogen angeregt wurden. Progesteron verhindert, dass sich Östrogen im Gewebe anreichert. Bei Frauen und Männern senkt Progesteron unter anderem den Insulinspiegel und hemmt die Ausschüttung von Stresshormonen. Es bewirkt, dass das Haar nicht nur schneller, sondern auch dicker wächst. Progesteron ist auch der Grund, weshalb Frauen während der Schwangerschaft schöneres und volleres Haar haben.

Bildet der Körper zuwenig Progesteron und sind Östrogen und Prolaktin erhöht, können die Schilddrüsenhormone ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Weil die Zellatmung in den Mitochondrien von T3 und T4 abhängt, erzeugen die Zellen zuwenig Adenosintriphosphat. Die wenige verfügbare Energie fließt primär in den Erhalt und die Funktion der lebenswichtigen Organe wie Gehirn, Herz oder Leber. Weil Haarfollikel nicht zu den lebenswichtigen Organen gehören, haben sie in Notsituationen keine Priorität und stellen ihre Funktion ein.

Widerspruch zur Androgen-Hypothese?

Wie passt der Erklärungsansatz der hormonellen Dysbalance zu den Forschungsergebnissen von Hamilton und Imperato-McGinley? Beide Forscher stellten unabhängig voneinander fest, dass Männer mit Testosteronmangel frei von androgenetischer Alopezie waren. Hamilton vermutete als Ursache genetische Faktoren, welche bewirken, dass die Haarwurzeln empfindlich auf klinisch normale Testosteronspiegel reagieren. Imperato-McGinley kam zu dem Schluss, dass der Testosteron-Metabolit DHT verantwortlich für den erblich bedingten Haarausfall ist.

Der Blogger und Autor Danny Roddy zitiert in seinem Buch „Hair like a Fox“ Studien, die zeigen, dass kastrierte Männer neben einem Testosteronmangel auch niedrige Spiegel an Östrogen und Prolaktin haben. Er argumentiert weiter, dass Hamiltons Kastraten und Imperato-McGinleys Pseudohermaphroditen sehr wahrscheinlich über das Normalmaß erhöhte Progesteron-Spiegel hatten. Daher könnte das Zusammenspiel aus viel Progesteron und wenig Östrogen und Prolaktin insgesamt zu einem „haarfreundlichen“ hormonellen Milieu geführt haben. Ebenso könnte die Wirksamkeit von Finasterid auf seiner chemischen Ähnlichkeit mit Progesteron beruhen.

Hormonelle Dysbalancen vermeiden

Um dem sogenannten erblich bedingten männlichen Haarausfall vorzubeugen empfiehlt es sich, den eigenen Testosteronspiegel auf natürliche Weise hochzuhalten. Wichtig hierfür sind ausreichend Schlaf und Erholungsphasen im Alltag. Stressoren wie langes Sitzen vor dem Bildschirm, Lärm und Abgase sollte man auf das höchstmögliche Maß begrenzen. Zum Ausgleich sollte man viel Zeit in der Natur und im natürlichen Tageslicht zu verbringen.

Die Mahlzeiten sollte möglichst unverarbeitet und weitestgehend frei von Zusatzstoffen und Pestiziden sein. Alkohol aktiviert das Enzym Aromatase und führt, regelmäig konsumiert, zu einem Östrogenüberschuss im männlichen Körper. Er sollte daher nur in Maßen getrunken werden. Sport kann den Testosteron-Spiegel erhöhen, man sollte es jedoch nicht übertreiben. Lange und häufige Cardio-Einheiten führen zu einer vermehrten Corstisolausschüttung. Besser sind kurze Krafteinheiten, wobei man seinem Körper zwischen den Einheiten ausreichende Erholungsphasen gönnen sollte.

Eine gute Zusammenfassung der Hormontheorie und viele hilfreiche Tipps für die hormonelle Balance findet Ihr in der Hair Loss and Baldness Series von Dr. Sam Robbins. Zusätzlich empfehlen kann ich den Artikel Reducing Serotonin Levels von 180 Degree Health.

In meinem nächsten Artikel erläutere ich, welche Rolle chronische Entzündungen für die androgenetische Alopezie spielen.

Quellen:

  1. https://en.wikipedia.org/wiki/Pattern_hair_loss
  2. Danny Roddy. Hair like a Fox: A Bioenergetic View of Pattern Hair Loss
  3. https://www.blaineywellness.com/wp-content/uploads/2016/08/testosterone-and-aromatization-how-to-avoid-excess-estrogrogen-production.pdf
  4. Strizhkov VV. [Metabolism of thyroid gland cells as affected by prolactin and emotional-physical stress]. Probl Endokrinol (Mosk). 1991 Sep-Oct;37(5):54-8. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1780295
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

 

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