Alopezie-Hypothese 3 – Entzündungen

Kahlköpfige erkranken häufiger am Herzen – so lautet das Ergebnis einer Übersichtsstudie mit insgesamt knapp 37.000 Probanden. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen andro-genetischer Alopezie und koronaren Herzkrankheiten wie Herzinfarkt, Angina Pectoris oder Erkrankungen der Herzkranzarterien. Demnach haben bereits junge Männer mit fortgeschrit-tenem Haarausfall ein höheres Risisko für Herzerkrankungen als Männer mit vollem Haar. Interessanterweise war der Zusammenhang statistisch nur signifikant, wenn sich die Haare im Scheitelbereich lichteten. Bei einer reinen Stirnglatze war die Korrelation weniger eindeutig.

Ist die Glatzenbildung, die lange Zeit als rein ästhetisches Problem galt, am Ende doch nicht so harmlos? Offensichtlich gibt es einen oder mehrere gemeinsame Faktoren, der die Herzkranz-gefäße angreift und gleichzeitg die Haarwurzeln verkümmern lässt. Ist die androgenetische Alopezie also ein Krankheitssymptom? Tatsächlich haben alle Zivilisationskrankheiten einen gemeinsamen Wegbereiter: Entzündungen.

Akute Entzündungen

Eine Entzündung ist die natürliche Reaktion des Körpers auf schädliche Reize wie Verletzungen, Krankheitserreger, Allergene oder gesundheitsschädliche Stoffe. Die betroffene Körperregion wird rot, warm, schwillt an und ist in ihrer Funktion beeinträchtigt.

Für eine der stärksten entzündlichen Reaktionen sind die sogenannten Mastzellen verantwort- lich. Mastzellen finden sich überall im Körper, vor allem in der Haut und in den Schleimhäuten. Als Abwehrzellen des unspezifischen Immunsystems speichern sie eine Vielzahl von entzündungsfördernden Botenstoffen, die bei Kontakt mit einem Krankheitserreger freigesetzt werden. Zu diesen Mastzellmediatoren gehören Histamin, Heparin, Tryptase, Prostaglandine, Leukotriene und Zytokine. Sie machen die Blutgefäße lokal durchlässig und sorgen für die typischen Entzündungssymptome. Mit dem Blut gelangen weitere Immunzellen in das entzündete Gewebe und befreien es von Krankheitserregern und Fremdkörpern. Sobald wie möglich beginnt der Organismus, neues Bindegewebe und neue Blutgefäße zu bilden, um die Haut oder das betroffene Organ zu reparieren.

Ohne die Entzündungsreaktion könnten Wunden, Infektionen oder verletztes Gewebe nicht heilen. Entzündungen sind also eine notwendige Immunreaktion zur Selbstverteidigung und Regeneration des Organismus. Für gewöhnlich dauert es einige Tage bis die Entzündungssymptome nachlassen und die Heilung eintritt. Es gibt allerdings noch einen anderen Typ von Entzündungen. Diese bleiben manchmal lange Zeit unbemerkt und können dem Körper großen Schaden zufügen: Die chronischen Entzündungen.

Chronische Entzündungen

Wenn es dem Immunsystem nicht gelingt, den Entzündungserreger zu eliminieren, kann eine akute Entzündung einen chronischen Verlauf nehmen. Der Entzündungszustand kann sich dann über mehrere Monate und sogar Jahre hinziehen, bis die richtige Therapie gefunden wird.

Eine chronische Entzündung kann sich auch schleichend entwickeln, ohne dass ihr ein akuter Zustand vorangegangen ist. Sie beginnt häufig unbemerkt und nimmt einen fortschreitenden oder schubweisen Verlauf. Unbehandelt führt dieser Typ Entzündung dazu, dass das Immunsystem auch gesundes Gewebe und Organe angreift. Chronische Entzündungen spielen unter anderem eine Rolle bei Asthma, rheumathoider Arthritis, Diabetes und Krebs. [1]

Die Ursachen chronischer Entzündungen sind vielfältig. Auslöser können Stress, Umweltgifte oder pathogene Erreger sein, denen der Körper dauerhaft ausgesetzt ist. Auch Nahrungsmittel- unverträglichkeiten und Autoimmunerkrankungen versetzen den Körper in einen permanenten Entzündungszustand. Die genauen Ursachen von Autoimmunkrankheiten sind unbekannt. Aufgrund steigender Fallzahlen stehen der Lebensstil und Umweltfaktoren unter Verdacht [2].

Alopezie – ausgelöst durch aktivierte Mastzellen?

Die Tatsache, dass in der kahlen Kopfhaut von Alopezie betroffener Männer große Mengen des Mastzellmediators Prostaglandin D2 gefunden werden, weist auf ein Entzündungsgeschehen hin. Dabei ist die Konzentration des Botenstoffs im Vergleich zu den Bereichen mit normalem Haarwuchs auf das Dreifache erhöht [3]. Prostaglandin D2 wird in den Mastzellen aus der vierfach ungesättigten Arachidonsäure produziert. Sind die Mastzellen aktiviert, werden aber nicht nur gespeicherte Mediatoren freigesetzt – zusätzlich wird auch die Neusynthese von Arachidon­säure­derivaten wie Prosta­glandin D2 und anderer Gewebshormone angeregt [4].

Kann die Verteilung der Mastzellen in der Kopfhaut das Muster der androgenetischen Alopezie erkären?
Quelle: Welshsk, Alopecia, CC BY 3.0

Dass Prostaglandin D2 keine bloße Begleiterscheinung, sondern ein kausaler Faktor der Alopezie ist, zeigen Versuche an Mäusen, welche nach dem Auftragen von Prostagladin D2 an Haarausfall litten. Beim Menschen befinden sich besonders viele Mastzellen auf dem Scheitel, während ihre Anzahl an den Seiten des Kopfes abnimmt. Der Mastzellgradient ähnelt damit dem Muster der androgenetischen Alopezie und könnte die typische Hufeisenform des Haarkranzes im fortgeschrittenen Stadium erklären [5]. Mastzellen kommen in der Kopfhaut von Menschen mit und ohne Alopezie gleichermaßen vor. Entscheidend ist also nicht ihr Vorhandensein, sondern ob sie aktiviert sind.

Fibrose

Um die Entzündungen an den Haarwurzeln zu heilen bildet der Körper große Mengen an Kollagen. Dieser bindegewebsmäßige Umbau der Haarwurzel wird als Fibrose bezeichnet. Die fibrotische Kopfhaut erscheint glänzend und verhärtet. Tatsächlich haben Männer mit androgenetischer Alopezie im Bereich der Schläfen und des Scheitel viermal so viele kollagene Fasern wie Männer ohne Haarausfall – ihre Kopfhaut ist vernarbt [6, 7]. Ob die Vernarbung ursächlich für den Haarverlust ist oder diesem nur vorausgeht, ist nicht restlos geklärt. Fest steht, dass die vernarbte Kopfhaut schlechter durchblutet ist als die nicht-fibrotische Kopfhaut von Männern mit vollem Haar [8]. Weil weniger Blut in die Kopfhaut fließt, werden die Haarwurzeln schlechter mit Sauerstoff versorgt. Ohne ausreichend Sauerstoff können die Mitochondrien der Haarfollikel nicht genug Energie produzieren und das Haar verkümmert.

Kalzifierung

Die Blutzufuhr der Haarfollikel ist nicht nur wegen der Narbenbildung eingeschränkt. In den Jahren 1916 und 1917 bemerkte Dr. Frederick Hoelzel vom College of Medicine of the University of Illinois, dass die Schädelknochen verstorbener Männer mit androgenetischer Alopezie starke Kalziumablagerungen aufwiesen. Durch die Kalzifizierung waren die Foramina – Durchbruch- stellen im Schädelknochen für Blutgefäße – verengt und teilweise sogar verschlossen, so dass die Haarfollikel in der darüber liegenden Kopfhaut mit weniger Blut versorgt wurden. Dabei korrelierte der Grad der Kalzifizierung direkt mit der Haarqualität. Männer mit fortgeschrittener Alopezie hatten die meisten Kalkablagerungen. Die Kopfhaut von Verstorbenen mit vollem Haar war dagegen nicht kalzifiert. Dr. Hoelzel betrachtete die Verkalkung von Kopfhaut und Schädeldecke als eigentliche Ursache der androgenetischen Alopezie. Er veröffentlichte seine „Ivory Dome“(Elfenbeinturm)-Theorie 1942 im Journal of the American Medical Association [9].

Entzündungen und hormonelle Dysbalancen

Da das Phänomen der Kalzifierung häufig bei alten Menschen auftritt, nahmen Wissenschaflter an, dass es sich um einen normalen Alterungsprozess handelt. Dagegen spricht, dass die Kalzifizierung der Kopfhaut (und anderer Gewebe) schon bei manchen jungen Menschen stark ausgeprägt ist. Gleichzeitig sind einige Ältere überhaupt nicht betroffen [10].

Die wahrscheinlichere Ursache ist eine chronische Entzündung der Kopfhaut und ein Überschuss an Östrogen. Männer mit androgenetischer Alopezie haben in der Regel höhere Östrogen- und Prolaktinspiegel als Männer mit vollem Haar. Beide Hormone bewirken, dass vemehrt Kalzium aus den Knochen freigesetzt wird und in den Blutkreislauf gerät. Von dort aus kann es sich zum Beispiel in den Arterien und der Kopfhaut anreichern. Junge Männer mit androgenetischer Alopezie haben typischerweise ein höheres Riskio für koronare Herzkrankheiten [11]. Chronische Entzündungen beschleunigen den Kalzifizierungsprozess: Kalzium verhärtet das Gewebe und stößt neue Entzündungsprozesse an. Ein Teufelskreis entsteht [12].

Der andauernde Entzündungsprozess liefert auch eine schlüssige Erklärung für die hohen Spiegel an Dihydrotestosteron (DHT) in der kahlen Kopfhaut von Männern mit Haarausfall. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass DHT anti-entzündliche Eigenschaften hat [13]. Es könnte sich also um eine natürlich Schutzreaktion des Körpers auf das Entzündungsgeschehen in der Kopfhaut handeln. Ein hoher DHT-Spiegel wäre folglich nur ein Symptom der androgenetischen Alopezie, nicht ihre Ursache!

Vorbeugende Maßnahmen und Handlungsoptionen

Chronische Entzündungen haben viele Gesichter: Gelenkschmerzen, Ekzeme, eine ständig verstopfte Nase oder Schnupfen, andauernde Müdigkeit oder Verdauungsprobleme. Viele Menschen nehmen die Beschwerden nicht ernst. Einige halten sie gar für normal, weil sie in unserer modernen Gesellschaft so weit verbreitet sind. Aus demselben Grund ist auch der angeblich erblich bedingte Haarausfall heute so „normal“.

Die wichtigsten Stellschrauben zur Vermeidung oder Heilung chronischer Entzündungen sind die Ernährung, der Lebensstil und die Darmgesundheit. Selbst zu kochen mit möglichst naturbelassenen Lebensmitteln ist so ziemlich das Beste, was Ihr für Eure Gesundheit tun könnt. Weil chronische Entzündungen und ein hormonelles Ungleichgewicht eng miteinander verknüpft sind, verweise ich auf die Empfehlungen aus meinem letzten Artikel.

Wenn Ihr das Gefühl habt, dass Ihr bereits an einer chronischen Entzündung leidet, dann solltet Ihr auf mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie zum Beispiel Glutenunverträglichkeit oder Histaminintoleranz achten. Leider sind Allergietests und Untersuchungen beim Arzt nicht immer aussagekräftig. Ich selbst habe herausgefunden, dass ich an einer Histaminintoleranz leide, nachdem ich monatelang ein Ernährungstagebuch mit allen Symptomen geführt hatte.

Wenn Ihr bereits lichter werdendes Haar in Verbindung mit einer juckenden Kopfhaut habt, könntet Ihr ein Antihistaminikum testen. Sollte der Juckreiz damit nachlassen, wäre dies ein Hinweis auf aktivierte Mastzellen in der Kopfhaut. Zur Dauermedikation sind Antihistaminika wegen ihrer Nebenwirkung allerdings nicht zu empfehlen. Stattdessen solltet Ihr akitv nach dem Grund für die Mastzellaktivierung forschen.

Bei fortgeschrittenem Haarausfall oder bereits vorhandener Glatze gibt es manuelle Methoden, um die Verhärtungen in der Kopfhaut zu lösen und die Durchblutung zu erhöhen. Informationen findet Ihr zum Beispiel auf den Seiten Perfecthairhealth oder Hairlossrevolution.

Um die Durchblutung der Kopfhaut wird es auch im nächsten und letzten Teil meiner Alopezie-Serie gehen. Ihr werdet erfahren, warum die Errungenschaften unserer modernen Welt und unser Lebensstil möglicherweise unsere Haare zerstören.

 

Quellen:

  1. https://www.medicalnewstoday.com/articles/248423.php
  2. Lerner, A., et al. The World Incidence and Prevalence of Autoimmune Diseases is Increasing. International Journal of Celiac Disease. Vol. 3, No. 4, 2015, pp 151-155. doi: 10.12691/ijcd-3-4-8. http://pubs.sciepub.com/ijcd/3/4/8/
  3. Garza, L., et al. Prostaglandin D2 Inhibits Hair Growth and Is Elevated in Bald Scalp of Men with Androgenetic Alopecia. Sci Transl Med. Author manuscript; available in PMC 2012 Apr 5. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3319975/
  4. Akin C, Valent P, Metcalfe DD: „Mast cell activation syndrome: Proposed diagnostic criteria“. J Allergy Clin Immunol. 2010 Dec;126(6):1099-104.e4. Epub 2010 Oct 28. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21035176
  5. Larson, A.R., et al. A prostaglandin D-synthase-positive mast cell gradient characterizes scalp patterning. J Cutan Pathol. 2014 Apr;41(4):364-9. https://www.researchgate.net/publication/259548273_A_Prostaglandin_D-Synthase-Positive_Mast_Cell_Gradient_Characterizes_Scalp_Patterning
  6. Jaworsky, C., et al. Characterization of inflammatory infiltrates in male pattern alopecia: implications for pathogenesis. Br J Dermatol. 1992 Sep;127(3):239-46. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1390168
  7. Won, CH., et al. Dermal fibrosis in male pattern hair loss: a suggestive implication of mast cells. Arch Dermatol Res. 2008 Mar;300(3):147-52. doi: 10.1007/s00403-007-0826-x. Epub 2008 Feb 20. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18286292
  8. Goldman, BE., et al. Transcutaneous Po2 of the Scalp in Male Pattern Baldness: A New Piece to the Puzzle. Plastic and Reconstructive Surgery: May 1996 – Volume 97 – Issue 6 – p 1109–1116. https://journals.lww.com/plasreconsurg/Abstract/1996/05000/Transcutaneous_Po2_of_the_Scalp_in_Male_Pattern.3.aspx
  9. Hoelzel, F. Baldness and Calcification of The “Ivory Dome”. JAMA. 1942;119(12):968. https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/256511
  10. Wexler, L., et al., American Heart Association Writing Group, Inflammatory Atherosclerosis: Characteristics of the Injurious Agent. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK2015/
  11. https://www.bbc.com/news/health-42164898
  12. https://www.skinexamine.com/scalp-calcification/
  13. https://perfecthairhealth.com/why-are-hair-growth-drugs-so-ineffective

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