Alopezie-Hypothese 4 – Der Ketchup-Flaschen-Effekt

Im letzten Teil meiner Alopezie-Serie betrachte ich das Absterben der Haarfollikel aus einer evolutionsbiologischen Perspektive. Sie stammt aus dem Buch „I Broke the Mystery of Male Pattern Baldness“ von Monico Mercado, PhD (1) und offenbart das große Dilemma, in dem wir und vor allem unserer Kinder heute stecken. Gleichzeitig ist sie ein Hoffnungsschimmer, dass wir unseren jungen Männern den Haarausfall durch das richtige Verhalten ersparen können.

Die Lebensweise unserer Vorfahren

Über Millionen Jahre lebte der Mensch als Jäger und Sammler. Auch wenn die Steinzeit lange vorbei ist, können wir aus Beobachtungen von Naturvölkern und isoliert lebenden Stämmen Rückschlüsse auf die Lebensweise unserer Vorfahren ziehen. So kümmern sich die Frauen der Naturvölker meist um die Zubereitung von Essen, die Brutpflege und den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Ihr Tag ist geprägt von eher leichten, routinemäßigen Tätigkeiten und Arbeiten.

Die Männer gehen auf die Jagd und sind für die Verteidigung ihrer Sippe zuständig. Sie müssen komplexe Jagdstrategien entwickeln und Angriffe von wilden Tieren oder Feinden abwehren. In diesen Stress- und Gefahrensituationen müssen die Männer für ihr eigenes und das Überleben der Gruppe sehr viel körperliche Energie aufbringen. Zwischen ihren Einsätzen gönnen sie sich lange Ruhephasen, in denen sie auf dem Boden sitzen oder liegen und entspannen.

Mann im nicht industrialisierten, ländlichen Indien

Die Kinder der Naturvölker lernen, indem sie die Erwachsenen spielerisch imitieren. In der Pubertät gehen die männlichen Jugendlichen dabei immer wieder an ihre körperlichen Grenzen. Alte Menschen sind aufgrund ihrer Lebenserfahrung häufig Lehrer und Berater für die Jüngeren und übernehmen leichtere Arbeiten, um die Gemeinschaft zu unterstützen.

Es sind diese alten Menschen, die Monico Mercado zu seiner Forschungsarbeit inspirierten. Er studierte Bildaufnahmen und Filmdokumentationen von Naturvölkern, ohne dabei einen einzigen Mann mit schütterem Haar zu entdecken. Vereinzelt sah er ältere Männer mit Geheimratsecken. Aus irgendeinem Grund schienen diese Menschen immun gegen Haarausfall sein.

In modernen Gesellschaften ist die Glatze dagegen zur Normalität geworden. Der männliche Haarausfall scheint interessanterweise mit dem westlichen Lebensstil zu korrelieren. Zahlen moderne Männer den Preis für die Abkehr von der Natur?

„Errungenschaften“ der modernen Zivilisation

Der technische Fortschritt hat unsere Umwelt drastisch verändert. War unser Lebensstil über Jahrtausende von Bewegung und körperlicher Arbeit geprägt, entstanden mit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert immer mehr Berufe mit sitzender Tätigkeit. Mittlerweile arbeitet der Großteil unserer modernen Gesellschaft überwiegend oder ausschließlich im Sitzen. Seit Einführung der Schulpflicht verbringen schon die Kinder ab dem sechsten Lebensjahr einen großen Teil des Tages auf Stühlen und vor Schreibtischen.

Anders als die Menschen der Naturvölker und in der Steinzeit sitzen wir also nicht mehr mit krummem Rücken und angewinkelten Beinen auf dem Boden, sondern auf Stühlen mit gerader Rückenlehne und den Füßen auf dem Boden unter dem Tisch. Ergonomische Stühle und Tische machen uns die stundenlange Schreibtischarbeit dabei so bequem wie möglich. Und so sitzen wir Tag für Tag stundenlang auf unseren Stühlen, von der Schulzeit bis ins Rentenalter.

Die Schwerkraft und das stille Sterben der Haarfollikel

Lange Zeit relativ bewegungslos auf einem Stuhl zu sitzen ist für den menschlichen Organismus, der auf Bewegung ausgelegt ist, widernatürlich und sogar schädlich. Um bei aufrechter Haltung ausreichend Blut aus den unteren Extremitäten in den Oberkörper zu transportieren braucht unser Gefäßsystem Hilfe von der Muskulatur – die Pumpleistung des Herzens reicht auf Dauer nicht aus. Ähnlich wie das Ketchup in einer Flasche, die man schüttelt und danach lange stehen lässt, sinkt das Blut nach unten ab. Wer schon einmal eine lange Flugreise unternommen hat, kennt vermutlich das Gefühl wenn sich das Blut in den Beinen staut. Das gleiche passiert in abgemilderter Form, wenn wir lange Zeit ruhig und aufrecht auf einem Stuhl sitzen.

Damit wir nicht irgendwann ohnmächtig werden, startet der Körper ein neurovaskuläres Notprogramm, um die Blutversorgung des Gehirns sicherzustellen. Dieses Notprogramm dient ausschließlich dem Schutz lebenswichtiger Organe. Die Kopfhaut mit ihren Haarfollikeln ist dabei wortwörtlich in der schlechtesten Position. Bei ohnehin schon geringem Blutdruck fließt sämtliches verfügbares Blut in das Gehirn – unter Aussparung der feinen Kapillargefäße, welche die Haarfollikel mit Nahrung und Sauerstoff versorgen. Haarfollikel wiederum reagieren hochempfindlich auf die fehlende Versorgung mit Sauerstoff, Zucker und anderen Nährstoffen. Sie stellen ihre Funktion ein und verkümmern schließlich. Das Haar wird schütter und fällt aus.

Stress, männliche Hormone und stundenlanges Sitzen

Männer reagieren empfindlicher auf das erzwungene Stillsitzen als Frauen. Da der männliche Organismus evolutionär bedingt auf die Jagd und den Überlebenskampf ausgerichtet ist, reagiert er auf mentalen Stress sehr viel mit stärker mit dem Drang zu physischer Aktivität als der weibliche. Männer können Stress deshalb nur durch Bewegung auf gesunde Art abbauen. Erschwerend kommt hinzu, dass das männliche Hormon Testosteron gefäßerweiternd wirkt. So schützt es unter anderem das Herz vor zu geringer Durchblutung (2).

Der moderne Mann im Büro

Die Schutzwirkung des Testosterons verkehrt sich ins Gegenteil, wenn Jungen und Männer ihren natürlichen Bewegungsdrang unterdrücken müssen, um stundenlang in Klassenzimmern oder Büroräumen zu sitzen. Durch die erweiterten Gefäße sackt noch mehr Blut in die unteren Extremitäten ab. Um das unphysiologische Blutdruckgefälle zwischen Kopf und Füßen auszugleichen, entwickeln einige Menschen Bluthochdruck (3). Wie sehr die Schwerkraft die menschliche Physiologie beeinflusst, zeigen Erfahrungen aus der bemannten Raumfahrt. Nach einigen Wochen in der Schwerelosigkeit senkt der Körper den Blutdruck, indem er Blut über den Urinaltrakt ausscheidet.

Ein hoher Blutdruck kann die Durchblutung zwar geringfügig verbessern, die relative Unterversorgung des Kopfes bei langen Sitzzeiten aber nicht verhindern. In der Folge sehen wir bei vielen Männern die beiden Progressionsmuster der androgentischen Alopezie: Scheitelglatze und Stirnglatze.

Scheitelglatze versus Stirnglatze

Der Haarausfall auf Scheitel oder Hinterkopf ist die klassische Folge des Ketchupflaschen-Effekts. Weil der Kopf beim Lesen und Schreiben nach unten geneigt ist, bildet sich die erste kahle Stelle auf dem Hinterkopf. Wer stattdessen von Kindheit an die meiste Zeit geradeaus auf einen Bildschirm schaut, verliert seine Haare eher diffus am gesamten Oberkopf.

Die Stirnglatze resultiert aus einem Blutmangel speziell im Bereich der Schläfen und des Vorderkopfes. Hier sitzt das analytische Zentrum unseres Gehirns. Lösen wir komplexe Denkaufgaben, steigt die Durchblutung in diesem Teil des Kopfes besonders stark an. Sinkt der Blutdruck unter eine kritische Grenze, öffnen sich die artereriovenösen Anastomosen (4). Das sind Kurzschlussverbindungen zwischen Arterien und Venen, die das Blut ohne Umwege in den aktiven Teil des Gehirns transportieren. Die feinen Kapillargefäße, die die Haarfollikel versorgen, sind dann von der Blutzufuhr abgeschnitten. Je häufiger diese Situation eintritt, umso ausgeprägter ist die Stirnglatze.

Die Tatsache, dass auch Männer in nicht-industrialisierten Gesellschaften Geheimratsecken ausbilden, lässt den Schluss zu, dass die Neigung zur Stirnglatze im Menschen grundsätzlich angelegt ist. Ausprägung und Schweregrad des frontalen Haarausfalls hängen jedoch von Umweltfaktoren ab. Die Weichen für die Glatzenbildung werden schon in jungen Jahren gestellt.

Prägung in der Pubertät

Der hormonelle Umbruch in der Pubertät lässt den Testosteronspiegel von Jungen stark ansteigen. Sie wachsen schnell, werden stärker und wagemutiger. Der Drang, die eigenen Kräfte auszuloten ist in der Pubertät sehr ausgeprägt. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern für alle Säugetiere. Toben und Raufereien sind natürliche Übergangsrituale des Erwachsenwerdens.

Aufgrund der vielen Bewegung müsste der Blutdruck unserer Jugendlichen in der Pubertät eigentlich häufig erhöht sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Anstatt sich körperlich zu verausgaben, sitzen unsere Jungen viele Stunden am Tag bewegungslos an ihren Schreibtischen. Der Blutdruck im Kopf ist niedrig, während das Gehirn gleichzeitig auf Hochtouren arbeiten muss.

In dieser Zeit entwickeln die Jugendlichen unbewusst Verhaltensmuster, um mit der unnatürlichen Situation umzugehen. Einige Jungen zappeln, schaukeln mit dem Stuhl und können keine fünf Minuten stillsitzen. Andere unterdrücken ihren natürlichen Bewegungstrieb und „fahren“ das neurovaskuläre Notfallprogramm. Diese in der Pubertät erlernten Verhaltensweisen prägen sie für das spätere Leben. Ist die Glatze am Ende der Preis für eine erfolgreiche Schulkarriere?

Es gibt keine empirischen Beweise, dass sich Männer mit vollem Haar im Alltag anders verhalten als Männer mit Haarausfall. Monico Mercado hat jedoch entsprechende Beobachtungen in seinem persönlichen Umfeld gemacht.

Gegenmaßnahmen

Das Ziel sämtlicher Gegenmaßnahmen ist es, die Durchblutung des Kopfes zu erhöhen. Je früher man beginnt, desto größer ist die Chance seine Haare bis ins hohe Alter zu behalten. Ist der Haarausfall bereits fortgeschritten, kann man ihn möglicherweise aufhalten.

Öfter mal die Füße hochlegen

Ideal ist eine Sitzposition, bei der sich die Füße auf Hüfthöhe befinden und der Oberkörper leicht nach hinten geneigt ist – ähnlich wie bei einem Liegestuhl. Wann immer möglich, sollte man die Füße beim Arbeiten hochlegen. Wer zuhause arbeitet, kann sich seinen Arbeitsplatz entsprechend einrichten. Eltern sollten ihren schulpflichtigen Kinder erlauben, auf dem Sofa oder im Liegen zu lernen. Kinder nehmen oft instinktiv Sitzpositionen ein, die Herz und Gefäße entlasten.

Um die Durchblutung bei langen Arbeitszeiten anzuregen, sollte man regelmäßige Pausen mit kurzen Sportintervallen einlegen. Gut geeignet sind schnelle Spaziergänge, Treppensteigen oder Seilspringen. Wichtig ist, dass der Herzschlag dabei deutlich ansteigt. Je nach Intensität müssen die Einheiten nach zehn bis 60 Minuten erneut durchgeführt werden.

Sport nach Feierabend und in der Freizeit ist grundsätzlich gesund, ist jedoch kein Ersatz für die Intervalle. Er kann sogar kontraproduktiv sein: Nach dem Sport fließt das Blut nämlich verstärkt in die beanspruchte Muskulatur. Weil trainierte Athleten eine niedrigere Herzfrequenz haben, können sportliche Männer bei längerem Sitzen sogar stärker vom Ketchupflaschen-Effekt betroffen sein.

Fazit

Wir modernen Menschen leben leider kein artgerechtes Leben – wir bewegen uns zuwenig, haben zuviel Stress, schlafen zu wenig und essen zuviel denaturierten Industriemüll. Wie so viele Gesundheitsprobleme scheint auch die androgenetische Alopezie ein hausgemachtes Problem zu sein. Ich hoffe, ich konnte Betroffenen ein paar Anregungen zur Selbsthilfe geben. Wer sich genauer für eine Hypothese interessiert, dem empfehle ich die in den Links und im Literaturerzeichnis angegebenen Quellen. Sie enthalten viele zusätzliche Informationen, auf die ich in meiner Alopezieserie leider nicht eingehen konnte.

 

Quellen:

  1. Monico Mercado, PhD, I Broke the Mystery of Male Pattern Baldness, Primal Edge Publications, 2009
  2. Herring, MJ, Oskui, PM, Hale, SL, Kloner, RA. Testosterone and the cardiovascular system: a comprehensive review of the basic science literature. J Am Heart Assoc. 2013;2(4):e000271. doi:10.1161/JAHA.113.000271. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3828782/
  3. Yang, H, et al. Work hours and self-reported hypertension among working people in California. Hypertension. 2006 Oct;48(4):744-50. Epub 2006 Aug 28. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16940208
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Arterioven%C3%B6se_Anastomose

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