Alopezie

Alopezie – Schicksal oder Krankheit?

In meiner Kindheit in den Achtziger Jahren war Haarausfall etwas, was in meiner Wahrnehmung nur alte Männer betraf. Junge Männer mit Glatze kannte ich hauptsächlich aus dem Fernsehen, wo sie dann meistens irgendwelche Bösewichte spielten oder von Menschen, die ihre Haare aufgrund einer schweren Erkrankung verloren hatten. Als ich Ende der Neunziger Jahre mein Abitur machte, gab es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis keinen jungen Mann, der von Haarausfall betroffen war. Zumindest war mir niemand aufgefallen. Ich weiß noch wie irritiert ich war, als ich im ersten Semester an der Uni einen Kommilitonen hatte, der mit knapp 20 Jahren nur noch einen Haarkranz hatte, wie ich ihn bis dato „von Opa“ kannte. Nach und nach fielen mir auch andere Studenten mit zum Teil weit fortgeschrittenem Haarausfall auf.

Zwanzig Jahre später sehe ich ganz oft Geheimratsecken und lichtes Haar bei jungen Männern. Die androgenetische Alopezie (agA) scheint heute eher die Normalität denn die Ausnahme zu sein. Dazu passt das Ergebnis einer epidemiologischen Studie von Wissenschaftlern der Universität Szeged in Ungarn aus dem Jahr 2015 (1). Sie werteten die Fotografien von 24.702 hellhäutigen Männern im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auf Datingportalen im Internet aus. Dabei stellten sie fest, dass über 15 % von Ihnen von agA im Endstadium betroffen waren.

Aus Neugierde und Interesse begann ich vor einigen Jahren, mich genauer mit dem Phänomen der agA – des sogenannten erblich bedingten Haarausfalls – zu beschäftigen. Ich habe Bücher, Blogs und Foren zu diesem Thema gelesen. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass Haaraufall kein unabwendbares Schicksal ist, sondern viel mit unserer Lebensweise und unserer Umwelt zu tun hat. Meine gesammelten Erkenntnisse möchte ich in diesem Blog mit Euch teilen. Weil das Thema so umfangreich ist, mache ich eine Artikelserie über Alopezie. Der heutige Artikel ist der Auftakt, Fortsetzungen folgen im Lauf der nächsten Wochen.

Sind die Gene schuld?

Den ersten nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Vererbung, Sexualhormonen und Haarausfall verdanken wir einer Forschungsarbeit von James B. Hamilton aus dem Jahr 1942 (2). Hamilton, der in Yale Anatomie studiert hatte, untersuchte 104 Männer, die entweder kastriert waren oder wegen einer Hodeninsuffizienz an einem Testosteronmangel litten, der ihre sexuelle Reifung verhinderte. Aufgrund der Eugenikgesetze aus den 20er Jahren wurden noch bis 1950 in vielen US-Bundesstaaten Jungen und junge Männer in psychiatrischen Anstalten kastriert. Einerseits wollte man sie an der Fortpflanzung hindern, andererseits konnte man so ihre Aggressionen besser kontrollieren. Als Vergleichsgruppe dienten Hamilton 312 Männer mit normalem Testosteronhaushalt.

Allen Männern mit Testosteronmangel war gemein, dass sie volles Haar hatten. Denjenigen, die vor der Kastration an Haarausfall gelitten hatten, war das Haar nach der Kastration nicht mehr weiter ausgefallen. Außerdem produzierten ihre Talgdrüsen weniger Sebum als die der Vergleichsgruppe, weshalb ihre Haut weniger fettig und nahezu frei von Unreinheiten war. Hamilton injizierte den sexuell unreifen Männern Testosteron. Er wählte dabei eine Dosis, wie sie der durchschnittlichen Eigenproduktion eines gesunden jungen Mannes entsprach.

Hamilton-Norwood-Schema (3)

In der Folge wurde die Haut der Männer fettiger, einige entwickelten sogar Akne. Zudem fielen denjenigen Männern, welche eine familiäre Häufung von agA in der Familie hatten, die Haare aus. Sobald Hamilton die Testosteron-Supplementierung stoppte, entwickelten sich die Hautsymptome zurück und der Haarausfall kam zum Erliegen. Wurde das Testosteron durchgehend verabreicht, schritt auch der Haarausfall der familiär mit Alopezie vorbelasteten Männer unvermindert fort. Hamilton kam zu dem Schluss, dass die Neigung zu Akne und Haarausfall angeboren ist und durch die mit Eintritt der sexuellen Reife von den Hoden produzierten Androgene ausgelöst wird. Er unterteilte den androgenetischen Haarausfall in sieben Stadien. Hamiltons Verlaufsklassifikation wurde in den 70er Jahren von dem Dermatologen Dr. O’tar Norwood weiterentwickelt und ist heute als Hamilton-Norwood-Schema (siehe Abbildung) bekannt.

Die DHT-Hypothese

Neue Erkenntnisse zu den Ursachen des männlichen Haarverlusts lieferte die Forschungsarbeit der Endokrinologin Dr. Julianne Imperato-McGinley von der Universität in Cornell. 1974 reiste sie in die Dominikanische Republik, um die „Guevedoces“ zu untersuchen – eine Gruppe männlicher Pseudohermaphroditen, die wegen fehlender männlicher Genitalien als Mädchen aufgezogen wurden. Mit dem Testosteronschub bei Eintritt der Pubertät verwandelten sich die vermeintlichen Mädchen: Sie bekamen eine tiefe Stimme, eine ausgeprägte Muskulatur und entwickelten einen Penis (4). Auffällig war, dass die Guevedocs im Gegensatz zu Männern ohne Gendefekt als Erwachsene weder an Akne noch an Haarausfall litten.

Dr. Imperato-McGinley stellte fest, dass die Betroffenen normale Testosteron-Blutwerte aufwiesen. Ihr Blutspiegel an Dihydrotestosteron (DHT) war im Vergleich zu „normalen“ Männern jedoch extrem niedrig. Sie fand den Grund heraus: Die Guevedocs litten an einem erblich bedingten Mangel des Enzyms 5alpha-Reduktase, welches Testosteron in seine biologisch aktivste Form DHT umwandelt. Das Steroidhormon DHT bewirkt unter anderem, dass der Körper die männlichen Geschlechtsorgane ausbildet. Wegen des DHT-Mangels sehen die Guevedoces bei der Geburt deshalb zunächst wie Mädchen aus (5). Nach der Geschlechtsreife ist ihr Penis kleiner als der von Männern ohne Gendefekt, zudem haben sie eine kleinere Prostata. Sie sind jedoch fortpflanzungsfähig.

Ein Medikament gegen Haarausfall

Im Jahr 1975 wurde der damalige Forschungsleiter des Pharmakonzerns Merck, Dr. P. Roy Vangelos, auf Dr. Imperato-McGinleys Forschungsergebnisse aufmerksam. Er wollte den bei den Guevedoces beobachteten Mangel an DHT über ein neues Medikament künstlich herbeiführen. Merck entwickelte den Wirkstoff Finasterid, der das Enzym 5alpha-Reduktase blockiert und somit die Umwandlung von Testosteron in DHT verhindert. Nachdem der Wirkstoff 1992 durch die U. S. Food and Drug Administration zugelassen worden war, wurde er unter dem Namen Proscar zunächst zur Behandlung gutartiger Prostatavergrößerungen eingesetzt. Fünf Jahre später erhielt Merck auch die Zulassung von Finasterid zur Behandlung der androgenetischen Alopezie bei Männern (6). Das Medikament gegen Haarausfall wird unter dem Namen Propecia vertrieben.

Die Inkonsistenz der Androgen-Hypothese

Obwohl James B. Hamilton die Ausschüttung männlicher Sexualhormone in seiner Studie von 1942 für eine plausible Erklärung für den Haarausfall bei genetisch prädisponierten Männern gehalten hatte, kamen ihm wenige Jahre später Zweifel an seiner eigenen Hypothese.

Wenn das Fortschreiten der Alopezie hauptsächlich vom Spiegel des Testosteronmetaboliten DHT abhing, warum verschlimmerte sich der Haarausfall mit zunehmendem Lebensalter? Der Testosteronspiegel eines gesunden Mannes erreicht sein Maximum um das 19. Lebensjahr herum und fällt danach langsam ab. Aus welchem Grund also schritt die Glatzenbildung in höherem Alter schneller voran? Hamilton äußerte die Vermutung, dass die wachsende Empfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber dem DHT eine Begleiterscheinung verschiedener pathologischer Zustände war, die mit fortschreitendem Alter vermehrt auftraten (7).

Das Androgen-Paradoxon: starker Bartwuchs – kahler Kopf

Ebenso ungeklärt ist, warum DHT bei Männern mit Haarausfall völlig konträre Effekte auf die Haarfollikel auf dem Kopf und am übrigen Körper hat. So triggern Androgene wie DHT das Wachstum von Bart- und Körperhaaren, weshalb Jungen in der Pubertät erstmals Bartwuchs bekommen. Dasselbe Androgen bewirkt jedoch, dass die Haarfollikel auf dem Kopf schrumpfen und im Lauf der Zeit verkümmern. Weil DHT die Talgproduktion anregt, kann der Haarkanal zudem verstopfen und das Haar zusätzlich schwächen. Dieser gegenteilige Effekt von DHT auf Haarfollikel in unterschiedlichen Körperregionen ist als Androgen-Paradoxon (siehe Abbildung links) bekannt.

Auch andere Rätsel der Alopezie sind bis heute ungelöst: Die vermutete genetisch bedingte Empfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber DHT erklärt zum Beispiel nicht, warum sich bei Haarausfall im Endstadium der typische Haarkranz in Hufeisenform bildet. Aus welchem Grund sollten die seitlichen Haare unempfindlich gegen DHT sein?

In der kahlen Kopfhaut werden höhere DHT-Spiegel gemessen als in behaarten Bereichen. Offenbar wird das Testosteron in diesen Regionen effizienter und häufiger in DHT umgewandelt als im behaarten Teil, die Enzym-Aktivität ist also lokal erhöht. Gleichzeitig enthalten die beeinträchtigten Haarfollikel signifikant mehr Androgen-Rezeptoren als die nicht betroffenen Haarwurzeln (8). Bei der androgenetischen Alopezie scheinen also mehrere Faktoren zusammenzuwirken und sich gegenseitig zu verstärken. Wie sind diese Effekte zu erklären?

Neuere Studien zeigen, dass die Haarfollikel auf der kahlen Kopfhaut nicht abgestorben sind. Die Stammzellvorläuferzellen, aus denen die Haarfollikel entstanden sind, sind immer noch vorhanden (9). Sie befinden sich jedoch in einem permanenten Ruhezustand. Wenn die Haarwurzeln also nicht abgestorben sind, warum wachsen die Haare nicht einfach vollständig nach, sobald die DHT-Produktion medikamentös unterbunden wird?

Alopezie als Krankheitssymptom?

Die Studie der Universität Szeged stellte einen Zusammenhang zwischen dem Übergewicht (Body Mass Index) der Probanden und dem Schweregrad ihrer Alopezie fest. Die Autoren der Studie zitieren außerdem verschiedene andere wissenschaftliche Veröffentlichungen, in denen Alopezie mit Krankheiten wie Insulin-Resistenz, Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht wird (siehe References in 1). Untersuchungen an indischen und japanischen Männern aus dem Jahr 2013 kamen darüber hinaus zu dem Schluss, dass Männer mit frühzeitiger und ausgeprägter Alopezie ein erhöhtes Risiko für koronäre Herzkrankheiten haben (10).

Die Korrelation der Alopezie mit diesen Krankheiten lässt den Schluss zu, dass der sogenannte erblich bedingte Haarausfall kein rein ästhetisches Problem ist, sondern wichtige Hinweise auf den Gesundheitszustand des gesamten Körpers liefert. Über den Einfluss von Umweltfaktoren und Krankheit auf das äußere Erscheinungsbild habe ich vor einigen Wochen in diesem Artikel geschrieben. Der Verlust der Haare wird bei Menschen mit einer entsprechenden genetischen Veranlagung vermutlich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren ausgelöst, die zudem bei jedem Menschen variieren können. In meiner Artikelserie werde ich verschiedene interessante Ansätze zu den Ursachen der Alopezie vorstellen.

Quellen:

  1.  Yaniv Shalom Avital, Marta Morvay, Magdolna Gaaland, and Lajos Kemény, Study of the International Epidemiology of Androgenetic Alopecia in Young Caucasian Men Using Photographs From the Internet, Indian J Dermatol. 2015 Jul-Aug; 60(4): 419. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4533555/
  2. Hamilton, J.B., Male hormone stimulation is prerequisite and an incitant in common baldness. Am J Anat 71:451-480 1942, https://core.ac.uk/download/pdf/82250502.pdf
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Hamilton-Norwood-Schema
  4. https://www.vice.com/de/article/4wppqg/guevedoces-jungen-denen-erst-in-der-pubertaet-ein-penis-waechst-523
  5. Imperato-McGinley, J. et al., Steroid 5alpha-reductase deficiency in man: an inherited form of male pseudohermaphroditism. Science. 1974 Dec 27;186(4170):1213-5
  6. https://en.wikipedia.org/wiki/Finasteride#History
  7. Hamilton, J.B., Patterned loss of hair in man; types and incidence, Ann N Y Acad Sci. 1951 Mar;53(3):708-28
  8. Hibberts NA, Howell AE, Randall VA, Balding hair follicle dermal papilla cells contain higher levels of androgen receptors than those from non-balding scalp., J Endocrinol. 1998 Jan;156(1):59-65, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9496234
  9. Luis A. Garza et al., Bald scalp in men with androgenetic alopecia retains hair follicle stem cells but lacks CD200-rich and CD34-positive hair follicle progenitor cells, J Clin Invest. 2011 Feb 1; 121(2): 613–622. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3026732/
  10. https://www.bbc.com/news/health-42164898

 

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