Die Reichen sind an allem schuld!

„Die Reichen sind reich, weil sie andere ausbeuten. Reiche sind gierig. Reiche sind rücksichtslos [1]. Die Reichen sollten mehr Steuern zahlen, damit das Vermögen gerechter verteilt wird und die Ärmeren mehr zum Leben haben.“ Diese Glaubensätze sind in Deutschland weit verbreitet.

Warum haben Reiche hierzulande eigentlich so ein schlechtes Image? Ist das der Neid der Besitzlosen oder sind Reiche wirklich schlechtere Menschen?

Wer sind die Reichen?

„Die Reichen“ sind eine ziemlich inhomogene Gruppe. Unter den Superreichen finden sich Unternehmer wie Mark Zuckerberg, Jeff Bezos oder Bill Gates. US-Präsident und Milliadär Donald Trump gehört zu ihnen, ebenso wie die Quandt-Tochter Susanne Klatten oder die Kinder des ALDI-Gründers Theo Albrecht, die jeweils riesige Vermögen geerbt haben. Daneben habes es Fußballstars wie Christiano Ronaldo und Social Media-Berühmtheiten wie Kim Kardashian und andere Stars aus Sport, Schauspiel- und Musikbranche zu beträchtlichem Reichtum gebracht.

Gegen die Vermögen der Superreichen wirken die Gehälter gutverdienender Angestellter geradezu bescheiden. Beispielsweise erhält der ehemalige Vorstandschef von VW, Matthias Müller, nach seinem Ausscheiden aus dem Konzern noch bis Februar 2020 ein Jahresgehalt von etwa 9 Millionen Euro [2]. Der Siemens-Vorstand Joe Kaeser hat im Geschäftsjahr 2017 knapp 7 Millionen Euro verdient [3].

Offiziell als reich gilt man in Deutschland übrigens ab einem Jahreseinkommen von 250.731 € (bei Ehepaaren 521.066 €). Oberhalb dieser Einkommensgrenze ist ein erhöhter Einkommenssteuersatz von 45 Prozent („Reichensteuer“) zu zahlen. Ein Leben mit Privatinsel und 100-Millionen-Dollar-Jacht lässt sich mit diesem Gehalt allerdings nicht finanzieren.

Warum sind reiche Menschen reich?

Menschen wie Bill Gates oder Mark Zuckerberg wurden weder als Fußballgott, noch als Filmstar, noch als reicher Erbe geboren. Sie sind reich, weil sie schon in jungen Jahren eigene Unternehmen gegründet haben. Anstatt den klassischen Weg des Angestelltendaseins zu gehen, bewiesen sie schon in jungen Jahren Erfindergeist und zeigten großen Arbeitseinsatz. Beide gründeten neben Schule und Studium ihre erste Firma (Bill Gates mit 14, Mark Zuckerberg mit 22). In der Zeit, in der andere Studenten Parties feierten und Urlaubsreisen machten, tüftelten Gates und Zuckerberg an Betriebssystemen und Computerprogrammen.

Andere wurden reich, weil sie in Immobilien investiert, Bestseller geschrieben oder ihre eigene Person in den sozialen Medien zur Marke aufgebaut haben. Was die Selfmade-Unternehmer gemeinsam haben: Gute Ideen, eine ausgeprägte Leistungsbereitschaft, harte Arbeit und jede Menge Mut zum Risiko. Denn auf jeden erfolgreichen Unternehmer kommen mehrere, die es nicht geschafft haben. Manch einer steht anschließend wirtschaftlich vor dem Nichts.

Auch die Karriere als angestellter Spitzenmanager setzt – neben der Fähigkeit zum geschickten Netzwerken – ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft voraus. Firmenvorstände und Geschäftsführer haben in der Regel keine reguläre Arbeitszeiten und wenig Zeit für ihr Privatleben. Geschäftsessen bis spät in die Nacht und am Wochenende gehören ebenso dazu wie lange Pendelzeiten, Dienstreisen und Auslandstätigkeiten. Genau wie Unternehmer tragen auch sie ein hohes Maß an Verantwortung für ihr Unternehmen und seine Mitarbeiter.

Reiche zahlen keine Steuern – stimmt das?

In Deutschland zahlen die 2,3 Prozent der Topverdiener ein Viertel der insgesamt vom Fiskus eingenommenen Einkommensteuer [4]. Die von angestellten Leistungsträgern gezahlte Lohnsteuer ist für den Fiskus nach der Mehrwertsteuer die wichtigste Einnahmequelle. Interessanterweise wird der Spitzensteuersatz von 42 Prozent bereits ab einem Bruttojahreseinkommen von 55.961 € fällig. Für den Staat zählt die Mittelschicht also bereits zu den Spitzenverdienern.

Ganz anders sieht die Steuerlast bei Unternehmern aus: Je nach Unternehmensform sind Gewinne mit maximal 30 Prozent zu versteuern. Der Gewinn ist der Überschuss, den das Unternehmen nach Abzug sämtlicher laufender Kosten (Gehälter, Versicherungsbeiträge, Telefonkosten, usw.), Investitionen, Verluste und Rücklagen erwirtschaftet hat. Während der Angestellte seine laufenden Kosten und seine Investitionen aus dem bereits versteuerten Nettogehalt bezahlen muss, kann der Unternehmer die Unternehmensausgaben vom Gewinn abziehen.

Superreiche zahlen meist noch viel weniger Steuern. Wer als Vermögender eine gemeinnützige Stiftung gründet, der kann Zuwendungen in Millionenhöhe als Sonderausgabe von der Steuer absetzen. Hält die Stiftung Anteile an einer GmbH oder Aktien eines Familienunternehmens, so bleiben die Unternehmensgewinne sogar komplett steuerfrei [5]. Menschen wie Bill Gates, Warren Buffet oder SAP-Gründer Hasso Plattner haben allesamt ihre eigenen Stiftungen gegründet. Sie engagieren sich wohltätig und vermeiden gleichzeitig Steuerzahlungen in Millionenhöhe.

Die Möglichkeiten für Vermögende, ihre Steuerlast vollkommen legal massiv zu senken, sind vielfältig. Und oft sind sie so komplex, dass man sich einen entsprechenden Steuerberater leisten können muss. Global Player wie Amazon, IBM oder General Motors nutzen die Steuerschlupflöcher so geschickt aus, dass sie überhaupt keine Unternehmenssteuern bezahlen [6].

Moral und Fairness – ein Thema nur für Reiche?

Die Tatsache, dass viele Vermögende – gemessen an ihren Einkommen – kaum Steuern zahlen, führt immer wieder zu Diskussionen über Moral und Anstand.

Hart arbeitende Angestellte, denen nach Abzug von Lohnsteuer, Solidariätszuschlag, Sozialversicherungsbeitrag, Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag netto gerade noch die Hälfte ihres Bruttolohns übrig bleibt, haben jeden Grund sich aufzuregen. Die Reichen sind aber nicht schuld an der ungleich verteilten Steuerlast. Denn es ist der Staat, der für die Steuergesetzgebung verantwortlich ist. Reiche Menschen nutzen nur die Gestaltungsmöglichkeiten, die der Fiskus ihnen bietet. Kaum ein Normalverdiener würde freiwillig mehr Steuern zahlen als er muss.

Wie es um die eigene Moral vieler Menschen aus der Mittelschicht steht, zeigt eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln. Demnach werden Reinigungskräfte in 90 Prozent der Haushalte schwarz beschäftigt [7]. Auch sonst spart sich der deutsche Durchschnittsbürger gern die Umsatzsteuer für Dienstleistungen, wenn glaubt, nicht erwischt zu werden [8]. Anscheinend ist Moral nur etwas für die Reichen. Während der „Normalbürger“ vermögende Steuerhinterzieher (zu Recht) an den Pranger stellt, drückt er bei sich selbst gerne ein Auge zu.

Vielen Unternehmern wird zudem vorgeworfen, sie würden sich auf Kosten anderer bereichern. In der Tat minimieren viele Firmen ihre Kosten, indem sie ihre Produkte in Niedriglohnländern herstellen und von Subunternehmern ohne Mindestlohn ausliefern lassen. Wahr ist allerdings auch, dass der deutsche Konsument seine Waren gerne bei Amazon bestellt [9] – jenem Unternehmen, das keine Unternehmenssteuer zahlt und durch seine Marktmacht die Löhne der Paketzusteller drückt [10].

Letzteres scheint den moralisch empörten Normalverdiener weniger zu stören, so lange er dabei ein paar Euro sparen kann und es seiner Bequemlichkeit dient. Ausbeuterische Systeme wie Massentierhaltung, Billigtourismus oder Sklavenarbeit in Niedriglohnländern leben auch von jenen Menschen, die glauben, sie seien im Vergleich zu den Reichen zu kurz gekommen.

Fazit

Wer mit dem Finger auf die Reichen zeigt und ihnen Egoismus und die Ausbeutung anderer vorwirft, sollte auch ehrlich sein eigenes Verhalten reflektieren. Denn oftmals tun wir das, was wir den reichen Menschen vorwerfen, im kleinen Maßstab selbst. Rücksichtslosigkeit und Gier ist keine Eigenschaft, die nur auf reiche Menschen zutrifft. Viele reiche Menschen sind sogar sehr spendabel und unterstützen gemeinnützige Projekte auf der ganzen Welt. Im Gegensatz zum normalen Steuerzahler haben sie das Privileg, selbst zu entscheiden, was sie mit ihrem Geld tun wollen, anstatt es dem Staat zu überlassen, wie er das Geld verwendet.

Unternehmer haben ihr Unternehmen durch gute Ideen und Fleiß selbst aufgebaut. Sie sind reich, weil sie gefragte Produkte herstellen und ihren Kunden einen Mehrwert bieten. Erben profitieren von der Leistung ihrer Eltern und Großeltern. Diesen leistungslosen Wohlstand empfinden viele Menschen als unfair. Dabei ist das Leben an sich unfair: Es gibt immer jemandern, der intelligenter, schöner oder wohlhabender ist als man selbst. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass wir unseren Wohlstand durch unser eigenes Verhalten beeinflussen. Anstatt neidisch zu sein, sollten wir überlegen, ob wir von reichen Menschen nicht auch etwas lernen können.

 

Quellen:

  1. https://www.welt.de/wirtschaft/article188559111/Millionaere-Die-Deutschen-koennen-den-Reichtum-der-Anderen-kaum-aushalten.html
  2. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/vw-vorstandsumbau-matthias-mueller-erhaelt-sein-millionen-gehalt-bis-2020/21168842.html?ticket=ST-6190500-dA1CfGbT6XXBVleqteV3-ap6
  3. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/siemens-chef-gehalt-von-joe-kaeser-stagniert-bei-knapp-sieben-millionen-euro/23693338.html?ticket=ST-8687028-SPuZJ3BMBIxhKUYc1oed-ap6
  4. https://www.wiwo.de/finanzen/steuern-recht/einkommensteuer-10-prozent-zahlen-50-prozent-der-steuern-gehoeren-sie-dazu/23689878.html
  5. https://www.welt.de/finanzen/geldanlage/article113862519/Wie-Sie-mit-Stiftungen-Steuern-sparen-koennen.html
  6. https://www.heise.de/tp/features/USA-Amazon-und-Co-zahlen-keinen-Cent-Steuern-4409882.html
  7. https://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_wirtschaft/article196972019/Schwarzarbeit-Putzkraefte-fast-nie-angemeldet.html
  8. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/20063/umfrage/entwicklung-des-umfangs-der-schattenwirtschaft-seit-1995/
  9. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/374731/umfrage/nettoumsatz-von-amazon-in-deutschland-und-weltweit/
  10. https://www.zeit.de/arbeit/2018-12/paketdienste-zusteller-kurier-lohn-arbeitsbedingungen/komplettansicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.