„Es ist bestimmt die Psyche.“
Nein, es ist Histaminintoleranz!

In meinem letzten Artikel habe ich über meine Schlaflosigkeit und die Suche nach ihrer Ursache geschrieben. Ich musste fast vierzig Jahre alt werden, um herauszufinden, dass ich an His­tamin­­in­tole­ranz leide.

Was ist Histamin?

Histamin ist ein vom Körper selbst hergestelltes Gewebshormon mit lebenswichtigen Funktionen für den Organismus. Als Immunbotenstoff sorgt es dafür, dass die Blutgefäße nach einer Verletzung lokal anschwellen und durchlässiger werden. Auf diese Weise können Immunzellen in das Gewebe eindringen und Krankheitserreger bekämpfen. Daneben spielt Histamin eine wichtige Rolle für den Stoffwechsel, die Magen­saft­produktion oder die Herzfrequenz. Im Gehirn beinflusst es als Neurotransmitter den Schlaf-Wach-Rhythmus und das Empfinden von Übelkeit. Ohne Histamin könnten wir nicht leben.

Histaminintoleranz = Histaminose

Die sogenannte Histaminintoleranz ist keine Intoleranz, sondern ein Histaminüberschuss. Die Histaminose entsteht, wenn dem Körper mehr Histamin zugeführt wird als er abbauen kann. Auch gesunde Menschen können einen Histaminüberschuss bekommen. Histamin entsteht nämlich bei der Reifung und Gärung eiweißhaltiger Lebensmittel als Abbauprodukt aus der Aminosäure Histidin. Deshalb kann es nach dem Verzehr von verdorbenem Fleisch oder Fisch auch bei gesunden Menschen zu heftigen Reaktionen mit Übelkeit und Erbrechen kommen.

Anders als gesunde Menschen führen von Histaminintoleranz betroffene Personen ihrem Organismus dauerhaft zuviel Histamin zu und/oder haben ein Problem, das Histamin schnell genug wieder abzubauen. Die Symptome der Histaminose stellen sich bei Ihnen deshalb deutlich früher ein als bei gesunden Menschen.

Histaminquellen

Körpereigene Histaminquellen

Mastzellen 100fach vergrößert
Quelle: Kauczuk, SMCpolyhydroxysmall, als gemeinfrei gekennzeichnet

Körpereigenes Histamin wird hauptsächlich in den Mastzellen produziert und gespeichert. Mastzellen sind die „Wächter“ des Immun­sys­tems. Deshalb befinden sie sich vor allem in Körperregionen, die mit der Umwelt in Kontakt kommen wie der Haut und den Schleimhäuten von Darm und Atemwegen. Mastzellen kommen aber grundsätzlich überall im Körper vor. Beim Kontakt mit Bakterien, Antikörpern oder anderen Eindringlingen setzen die Mastzellen das gespeicherte Histamin frei und lösen die Immunabwehr aus. Mastzellen reagieren aber auch auf mechanische, chemische und thermische Reize wie Stöße, Verbrennungen oder Kälte.

Was bei gesunden Menschen eine sinnvolle Reaktion darstellt, verkehrt sich bei Menschen mit Histaminintoleranz oder überaktiven Mastzellen (Mastzellaktivierungssyndrom) schnell ins Gegenteil. Die Mastzellen reagieren dann auch auf verschiedende Lebensmittel, Medikamente, sportliche Anstrengung und Stress mit Histaminausschüttung (Histaminliberatoren). Die Symptome wie Rötung, Juckreiz, Husten und Entzündungen gleichen denen einer Allergie.

Außer in den Mastzellen wird Histamin auch in den ECL-Zellen der Magenschleimhaut freigesetzt, wo es die Säureproduktion ankurbelt [1]. Bei einem histaminbedingten Säureüberschuss drohen deshalb Magenschleimhautentzündung oder Refluxerkrankungen.

Im Gehirn fördert Histamin die Wachheit. Gegenspieler des Histamins ist der Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA), der schlaffördernd wirkt. Bei einem Histaminüberschuss gerät der Schlaf-Wach-Rythmus aus dem Takt. Weil überschüssiges Histamin auch den Adrenalin­spiegel erhöht, steigt der Puls und das Herz rast [2]. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Externe Histaminquellen

Histamin ist vor allem in gereiften oder haltbar gemachten Lebensmitteln wie geräuchertem Fisch, Schinken, Käse sowie Fleisch- und Fischkonserven enhalten. Bei frischem Fleisch hängt der Histamin­gehalt davon ab, wie lange das Fleisch gelagert und ob die Kühlkette bis zur Zu­be­rei­tung eingehalten wurde. Innereien und Meeresfrüchte sind grundsätzlich histaminhaltig.

Daneben enthalten diverse Sorten Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und Salate sowie Hefe, Essig oder Sauerkraut größere Mengen an Histamin. Weil auch bei der alkoholischen Gärung Histamin entsteht, sind Weine, Sekte und Biere ebenfalls oft stark histaminhaltig. Eine umfassende Zusammenstellung histaminhaltiger Lebensmittel- und Getränke liefert die Lebensmittel-Verträglichkeitsliste der Schweizerischen Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI).

Zusätzlich kann auch die Darmflora Histamin produzieren. Normalerweise sorgen die essig- und milchsäurebildenden Bakterien im Dickdarm für einen pH-Wert von unter 6,5. Gibt es zu wenige säurebildende Bakterien entsteht ein basisches Milieu. Fäulnisbakterien und Hefe­pilze nehmen überhand und verstoffwechseln eiweißhaltige Nahrung zu Histamin. Übermäßige Fäulnisflora kann die Folge einer Antibiotikatherapie sein, bei der die säurebildenden Bakterien zugunsten der weniger empfindlichen Fäulniskeime zurückgedrängt wurde.

Histaminabbau: Die Enzyme DAO und HNMT

Histamin wird vom Körper im Wesentlichen über zwei Enzyme abgebaut: Die Diaminoxidase (DAO) und die Histamin-N-Methyl-Transferase (HNMT). Die DAO baut das im Darm, im Blut und in der Gewebeflüssigkeit zirkulierende freie Histamin ab. Freies oder auch extrazelluläres Histamin wird entweder als exogenes Histamin mit der Nahrung aufgenommen, von der pathologischen Darmflora produziert oder von den körpereigenen Mastzellen freigesetzt.

Das extrazelluläre Histamin wird über das Blut, das Bindegewebe und die Zellzwischenräume auch zu weiter entfernten Zellen im Körper transportiert. Dort dockt es an Histamin­re­zep­toren auf der Zelloberfläche an oder wird in das Innere der Zellen eingeschleust, wo es verschiedene Signalkaskaden auslöst [3]. Auf diese Weise kann sich das Histamin überall im Körper verteilen.

Das intrazelluläre Histamin im Inneren der Zelle wird vom Enzym HNMT abgebaut. HNMT wirkt also dort, wo die DAO nicht hinkommt und umgekehrt. Um einen Histaminüberschuss abzubauen müssen folglich beide Enzyme in ausreichender Menge vorhanden und aktiv sein.

Abbauwege für Histamin, Quelle: www.imd-berlin.de

Ursachen der Histaminintoleranz

Bei einer Histaminintoleranz kann entweder die DAO, die HNMT oder beide Enzyme gleichzeitig beeinträchtigt sein. Daneben gibt es aber auch eine Form der Histaminintoleranz, bei der beide Enzyme voll funktionstüchtig sind. In diesem Fall wird mehr Histamin zugeführt, als in der gleichen Zeit abgebaut werden kann. Ein Zuviel an externem Histamin resultiert meist aus einer gestörten Darmflora. Bei einem Überschuss an internem Histamin liegt entweder ein Mast­zell­akti­vierungs­syndrom (MCAS) oder eine Mastozytose (Übermäßige Vermehrung von Mastzellen) vor. Leider lassen sich Mastzellerkrankungen fast nur im Ausschlussverfahren diagnostizieren.

Symptome der Histaminintoleranz

Weil Histamin extrem viele „Schaltflächen“ im Körper bedient, führt ein Histaminüberschuss im Körper zu vielfältigen Krankheitssymptomen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Weil sich die meisten Ärzte mit Histaminintoleranz und Mastzellerkrankungen nicht auskennen, ordnen sie die Symptome anderen Erkrankungen zu und verschreiben die dazu passenden Medikamente. Oder sie finden keine passende Krankheit. Dann gehört man zu den Patienten mit „psychosomatische Beschwerden“.

„Es ist bestimmt die Psyche.“ Ich habe diesen Satz wirklich bis zum Erbrechen gehört. Irgend­wann wollte ich es selbst glauben. Aber mein Verstand sagte mir, dass es nicht sein kann. Als ich schließlich erkannte, dass ich an Histaminintoleranz leide, ergaben die Symptome plötzlich Sinn.

Übelkeit und Erbrechen

Seit ich denken kann leide ich an (Reise-)Übelkeit. Auf dem Rücksitz im Auto wird mir fast immer schlecht. Bootsfahrten bei unruhiger See sind der Horror für mich. Auf meinem ersten und einzigen Segeltörn mit Freunden übergab ich mich am ersten Tag sechs Mal. Gleichzeitig hatte ich Kopfschmerzen, dass ich dachte, mein Kopf platzt. Mir wird aber auch schon schlecht, wenn ich im Kino einen Film mit Wackelkameraperspektive sehe oder meine Mitmenschen nach Zi­ga­ret­ten oder Parfum „duften“. Deosprays, Wunderbäume, WC-Erfrischer und Duftkerzen sind mir ein Graus.

Diverse Weih­nachts- und Familien­essen habe ich mir schon zweimal durch den Kopf gehen lassen. Immer als einzige, obwohl andere das gleiche Gericht wie ich gegessen hatten. Außerdem vertrage ich Alkohol sehr schlecht. Am Tag nach meiner letzten feuchtfröhlichen Party hatte ich Kopfschmerzen aus der Hölle und erbrach mich den ganzen Tag.

Ekzeme, Juckreiz, Pickel

Seit dem Ende meiner Teenagerzeit litt ich an juckenden und schuppenden Ekzemen auf der Kopfhaut. Der Hautarzt diagnostizierte Neurodermitis und verschrieb mir eine Kortisonlösung. Sie half nicht, aber etwas anderes fiel den Ärzten nicht ein. Mit 28 wurde bei mir zusätzlich eine Autoimmunkrankheit der Haut diagnostiziert. Diese war laut Aussage der Ärzte „unheilbar“. Um das Fortschreiten zu verhindern, sollte ich auch hier mein Leben lang Kortison schmieren.

Mein Kopfhautekzem

Auch am übrigen Körper juckte es mich – besonders nachts. Mit Mitte Dreißig bildeten sich auf meinem Rücken münzgroße, juckende Stellen mit einem bräunlichen Belag. Nach dem Abkratzen der oberen Hautschicht war die Haut an diesen Stellen weißlich.

Außerdem hatte ich eine ziemlich unreine Haut. Zu den klassichen Kinn- und Wangenpickeln gesellten sich Mitesser und Pickel an Hals und den Schultern. Es gab Tage, da wollte ich gar nicht aus dem Haus mit meiner entzündeten Kopfhaut und meinen sprießenden Pickeln.

Niedergeschlagenheit und Schlaflosigkeit

Meine Hautprobleme belasteten mich sehr. Wo immer ich saß oder lag hinterlies ich einen gut sichtbaren Haufen Schuppen. Dazu kam der quälende Juckreiz. Aber auch sonst sprudelte ich nicht gerade über vor Fröhlichkeit. Vor allem nachts, wenn ich mal wieder stundenlang nicht schlafen konnte, kamen mir die traurigsten Gedanken. Es waren manchmal nur Kleinigkeiten oder jahrzehntealte Verletzungen aus meiner Kindheit und Jugendzeit, die mich nachts zum Heulen brachten.

Dazu kamen der Frust und körperliche Erschöpfung wegen meiner anhaltenden Schlaflosigkeit. Ich wundere mich nicht, dass viele Menschen, die über Monate oder Jahre nicht richtig schlafen können, irgendwann Psychopharmaka nehmen. Auch ich habe darüber nachgedacht.

Mein neues Leben mit Histaminintoleranz

Heute weiß ich, dass mich das Histamin in einen hormonbedingten Stresszustand versetzt. All die schlimmen Gedanken, die Ruhelosigkeit und die depressiven Verstimmungen klingen ab, sobald ich ein Antihistaminikum nehme. Meine Haut hört auf zu jucken und die Übelkeit verfliegt. Auch meine Nase ist nicht mehr verstopft und meine Regelschmerzen, die ich früher nur mit hochdosierten Schmerzmitteln ertragen habe, sind Vergangenheit.

Meine Kopfhaut heute

Dafür muss ich mich stark einschränken in meiner Essensauswahl und Alkohol trinke ich so gut wie keinen mehr. Ich kann praktisch nicht mehr auswärts essen gehen und ich kann nur in den Urlaub fahren, wenn ich vor Ort selbst kochen kann.

Trotzdem ist meine Lebensqualität extrem gestiegen. Meine Kopfhaut ist vollkommen schuppenfrei. Ich kratze mich nicht mehr wie eine Verrückte. Ich kann endlich ohne Knieschmerzen schwere Kniebeugen machen oder zum Kickboxtraining gehen. Und das Beste ist – Ich kann das erste Mal in meinem Leben ins Bett gehen ohne Angst vor der Nacht zu haben.

Die Diagnose

Weil ich auf histaminhaltige Lebensmittel mit einer Verzögerung von etwa sechs Stunden und auf Histaminliberatoren sogar erst Tage später reagiere, fand ich lange Jahre keine Ursache für meine Beschwerden. Erst als ich konsequent ein Ernährungstagebuch führte, sah ich, dass es mir immer dann besonders schlecht ging, wenn ich Schweinefleisch, Steak oder Leber gegessen hatte. Zunächst konnte ich nicht glauben, dass es ausgerechnet am Fleisch liegen sollte.

Als ich zufällig auf einen Artikel über Histamin stieß, zählte ich eins und eins zusammen. Anschließend probierte ich mehrere Wochen mit verschiedenen Lebensmitteln herum, bis sich mein Verdacht betätigte. Um festzustellen, ob ich an einer enzymatischen Abbaustörung leide, ließ ich bei meinem Hausarzt die Diaminoxidase im Blut bestimmen und einen Gentest zur Bestimmung der HNMT-Aktivität durchführen.

Laut der Testergebnisse funktioniert der enzymatische Abbau des Histamins bei mir ordnungsgemäß. Ich gehe deshalb davon aus, dass bei mir ein Histaminüberschuss aufgrund einer gestörten Darmflora und möglicherweise eine Mastzellerkrankung vorliegt.

Tatsächlich ergab die Analyse meiner Darmflora einen pH-Wert von 7,0 und eine ausgeprägte Fäulnisflora. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass beim Abbau von eiweißreicher Nahrung in meinem Dickdarm Histamin sowie andere biogene Amine und sogar Ammoniak entstehen. Dies passt auch zu der zeitlichen Verzögerung von sechs Stunden. Das ist in etwa die Zeit, die der Nahrungsbrei benötigt, bis er im Dickdarm ankommt.

Auszug aus dem Ergebnis meiner Darmfloraanalyse. Der Stuhl-pH-Wert ist erhöht, die Fäulniskeime E. coli und Clostridien haben sich stark vermehrt

Weil ich auch auf Histaminliberatoren reagiere, gehe ich davon aus, dass meine Mastzellen zuviel Histamin ausschütten. Das merke ich zum Beispiel daran, dass es mich nach einer kalten Dusche am ganzen Körper juckt oder ich beim regelmäßigen Verzehr von Eiern, Kakao oder Tomaten Kopfhautekzeme und Gelenkschmerzen bekomme. Weil Mastzellerkrankungen nur sehr schwer und mit sehr aufwändigen Verfahren wie Knochenmarksbiopsien zu diagnostizieren sind, habe ich bisher keine offizielle Diagnose. Dass ich durch den Verzicht auf Histaminliberatoren symptomfrei geworden bin, ist für mich im Moment Beweis genug.

Histaminintoleranz – die unterschätzte Gefahr?

Laut einer Statistik sind etwa ein Prozent aller Menschen von einer Histaminintoleranz betroffen. Experten vermuten, dass die Dunkelziffer erheblich höher liegt. Wenn ich mich alleine im Familien- und Bekanntenkreis umschaue, kann ich mir das sehr gut vorstellen. Ich kenne fast niemanden, der nicht irgendein gesundheitliches oder psychisches Problem hat, ohne dass eine konkrete Ursache dafür gefunden wird.

Wie viele Menschen kennt Ihr, die entweder Gelenkprobleme, Migräne, Hautausschläge, Reizhusten, Reizdarm, depressive Verstimmungen, Schlaflosigkeit, Regelschmerzen oder Reflux haben? Oder gleich mehrere der genannten Probleme gleichzeitig?

Ich empfehle jedem, sich bei Beschwerden ungeklärter Ursache über Histaminintoleranz und Mastzellerkrankungen zu informieren. Eine umfassende Übersicht über die Symptome der Histamin­intoleranz findet Ihr zum Beispiel bei Paleowiki. Wirklich sehr hilfreich und mit wissenschaftlichen Quellen unterlegt sind die Seiten der SIGHI.

Die Diagnose Histaminintoleranz bedeutet zwar große Einschränkungen im Alltag, die wiedergewonnene Lebensqualität wiegt die Entbehrungen allerdings mehr als auf.

 

Quellen:

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Enterochromaffine_Zelle
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Histamin
  3. https://www.histaminintoleranz.ch/de/histaminose_histaminstoffwechsel.html#funktionen

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